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Kaffee, persönlich – Tuxtla Gutierrez

Wenn man mit Menschen aus dem Fach darüber spricht, wie man nach Tuxtla Gutierrez kommt, entsteht sofort als erste Frage: Warum denn überhaupt? Es gibt doch so schöne Orte auf der Welt … und diese Menschen haben recht. Das beste, was sich meiner Ansicht nach über Tuxtla Gutierrez sagen lässt, ist einerseits, dass der Name so unaussprechlich ist, dass man ihn sowieso bald wieder vergessen hat, und andererseits, dass es sich für wenig akklimatisierte Westeuropäer um einen Grundkurs in Problemen der Dritten Welt handelt, sehr deutlich umrissen, aber grade so, dass es noch erträglich ist, ohne zu allzu tiefen Depressionen zu führen. Tuxla Gutierrez ist etwa so groß wie Köln und fast so schön. Ein anderes muß ich hier eben einschieben, und weiß nicht recht, woran es liegt – vielleicht ist ja in Wahrheit auch unser Problem: Der Müll. Wenn man in Deutschland aufwächst, ist irgendwie klar, dass Müll etwas ist, was zwar anfällt, aber dann auch wieder irgendwie in den Griff gekriegt wird – vielleicht auf problematische Weise, aber irgendwie eben doch. Schon wenn man in Europas Süden fährt, stellt man fest, dass es dort offenkundig ein etwas anderes Verhältnis zu Müll gibt. Ich erinnere mich, dass ich nach einem Sturm in der Nähe von Marseille eine ganze Landschaft unter Fähnchen von Plastiktüten habe wehen sehen, und habe kürzlich eine Reisebeschreibung des Nil gelesen, in welcher der Korrespondent erzählte, dass der Nil im Grunde ein schöner Fluß sei, nur von den Ufern, wo einst Moses ins Schilf gespült worden sei, sei manchmal nicht viel zu erkennen, wegen der Riesenflösse von großen, leeren Plastik-Wasserflaschen. Kommt man aber in bestimmte Landstriche Mexikos, und nach Tuxtla Gutierrez im Besonderen, so muß man sagen: Das Müllproblem ist gelöst – er ist da. Tuxtlas Charme belegt, daß es lange Garnisonsstadt war, und das will in dieser Region namens Chiapas etwas heißen, da dort sowieso schon eine Art historischer Ausnahmezustand herrscht, der dem Europäer unter dem Stichwort „Zapatista“ wahrscheinlich etwas sagt. Das Rathaus gleicht einem Sichtbeton-Gefängnis aus den 70er Jahren, der Hauptplatz rund um die Kathedrale ist umrundet von offenkundig prachtvoll gemeinten Gebäuden, die in Arbeiter-Vororten unserer Städte längst als Schandfleck abgerissen worden wären, die Kathedrale ist in Wahrheit eine etwas bessere Dorfkirche und wirkt in ihrer Umgebung dennoch in ihrer vergleichsweisen Pracht etwas unvermittelt, und der westliche Reisende sieht sofort vor allem Armut. Die Armut ist überbordend, entsetzlich, kränkend – und gemessen daran ist das Wohlbenehmen der Kinder, die sich über jeden Schuhputz-Auftrag freuen oder auf dem Markt aus Hölzchen und Blechelchen Spielzeug basteln, das man dann für reichere Kinder kaufen soll, so zauberhaft wie unverständlich: Hierzulande wäre auf solchem Hintergrund sicher eine wie auch immer geartete Revolution im Gange. Der Markt spiegelt all das wieder – und ist so voller Lebensfreude, dass man schon fast alles wieder vergessen möchte. Was sowieso für das ganze Land gilt: Alles wird mit solcher Freude, in Farben wie in Mustern, in Musik und Arbeit angegangen – und das, obwohl der Alltag jederzeit vor allem Anlaß zu Kummer und großer Sorge bietet. Hier in Tuxtla kamen wir an einem windumtosten, ekelgrauen, militärisch schönen Flughafen weit im Niemandsland an und trafen dann Klaus den Röster im Hotel des Kolping Zentrums. Das Kolping-Zentrum, eine Art Hotel mit Festhalle und Kapelle, war eine irritierende Erfahrung. Während in seinen Mauern eine gewisse Form von Luxus herrscht, auf jeden Fall gemessen an der Umgebung, ist die Umgebung richtig heruntergekommen, seelenlos, ungepflegt – man versteht nicht, warum dieser Ort an dieser Stelle ist. Seelisch vermittelt es vor allem Leerstand, doch wurde uns von allen Beteiligten immer wieder gesagt, dass es sich in Wahrheit kaufmännisch trage – für Rechtsanwaltsfeiern (was immer das ist), Hochzeiten, Examina, usw. Ok, tant pis, wird schon stimmen. Dennoch: Dieser Versuch zu Luxus in einer Umgebung, in der schon eine Hütte aus Kartons ein erster Versuch zum zivilisierten Leben ist, wirkt so deplaziert, dass man sich auch als Gast darin entsprechend fühlt: Deplaziert. Am Meer war’s – wie gesagt – naß, aber schön. Hier oben in Tuxtla dagegen war es nicht so sehr schön, dafür aber kalt. Kalt. Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus in die Berge hoch zu den Kaffee-Kooperativen, und mitten ins Problem. Aber deswegen waren wir ja hier.