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Kaffee, persönlich – Der Weg

Wäre das Wetter hier besser, bliebe vieles ungetan. Das liegt auf der Hand. Denn es sind Tage wie dieser, wenn aus den dunklen Wäldern hinter der Brücke die Nebel in breiten Fächern aufsteigen, wenn der Regen sich einfach nicht legt, alle Anoraks schon durchnäßt sind, der Fluß in breiten braunen Schwaden das Tal herunterschießt, der Hund feucht und wenig glücklich auf seinem Kissen liegt und vor sich hin dampft, und sogar der Kater nachdenklich vor dem Fenster sitzt – an solchen Tagen erscheinen noch die wildesten Ideen irgendwie gut und logisch. Und in diesen Zuständen zeigen sich bei mir Charakterfehler bedenklichen Ausmaßes. Und ich verlasse mein Zimmer. Immer, wenn etwas noch in weiter Ferne liegt, und mir auch nur im Geringsten sympathisch ist, scheint es mir oft zunächst noch eine gute Idee zu sein. Dann kommen die Dinge näher, man erkundigt sich hier und da, wie das denn überhaupt klappen kann, es kommen Hindernisse dazu, andere nehmen ab oder verschwinden, die Lebens-Erfahrung gibt noch ihren Hintergrund dazu, es gibt jeden Tag noch soviel anderes oder überhaupt zu tun – und plötzlich ist man tatsächlich in der Situation, und ein Gedanke überlagert alle anderen: Ach du lieber Himmel – was mache ich hier eigentlich? Tja, und so auch Mexiko. Es gibt Dinge im Leben, Objekte, Ziele, die gehören zur eigenen Seele wie das Handtuch zum Strand, die – unabhängig davon, ob sie je erreicht werden – immer im inneren Mobiliar herumstehen und, unsichtbar für alle anderen, mit zu dem Hintergrund gehören, vor dem sich das sogenannte wahrnehmbare Leben abspielt. Dazu gehörten für mich immer schwere Motorräder, das so zärtliche wie einsam-raubeinige Leben der 70er Jahre an der Westküste der USA, die Existenz eines Barguitarristen in Zandvoort, und viele andere, entsprechend abseitige Bilder. Alle Bilder dieses Aufwachsens waren im Grunde westlich, selbst diejenigen noch, die in einer seltsamen Fortschreibung einer deutschen Innerlichkeit der 20er Jahre a la Hermann Hesse plötzlich als Bilder eines weisen, gelassenen, bezaubernden fernen Ostens in Form indischer Gurus, balinesischer Feierlichkeiten oder öffentlicher Meditation mit dem Dalai Lama wieder auftauchten. Es hatte zwar nie an liebevollen Hinweisen gemangelt, dass jenseits dieses außerordentlich begrenzten Horizonts noch viele andere Lebensweisen zum Bild des Menschen gehören – aber in aller subjektiven Beschränktheit: Mexiko hatte es auf meinen inneren Horizont nie auch nur entfernt geschafft. Ein einziges Mal war ich von San Diego aus aus Versehen auf den Freeway in Richtung Tijuana geraten, fuhr durch, geriet in die Stadt Tijuana, stieg aus und bekam einen Kulturschock, von dem ganze Reisegruppen leben könnten. Nirgendwo habe ich je wieder erlebt, dass direkt nebeneinander zwei riesige Menschengruppen leben, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Einfach nichts. Im Grunde zwei Planeten … aber auch das hatte nichts mit Mexiko zu tun, denn so konnte ein Land einfach nicht sein. Mexiko? Das war doch das Land der Pauschalreisenden, Herb Alpert und die Tijuana Brass, komische Typen in alten Western, Ziel von Schlagern der 60er Jahre, die Erschießung von Ferdinand oder wem auch immer, Zorro und seine Kolonialgegner, weiße verbrannte Riesen in Hawaii-Hemden und unglaublichen Sombreros auf Flughäfen, meist zwischen Kater und Bierdose, von denen man nur denkt: Hoffentlich sitzt der gleich nicht neben mir – und dann gab es noch das andere Mexiko der Kindergeschichten, wo irgendwelche Maya oder Azteken irgendwelche Pyramiden zwischen den Bäumen hatten stehen lassen, die immer wieder von Indiana Jones und vergleichbar edlen Rittern unter Lebensgefahr entdeckt und vernichtet wurden, weil darin unweigerlich nur Böses hauste. Nichts sprach dafür, dass mein Leben mich einmal mit dem „richtigen“ Mexiko in Verbindung bringen sollte. Immer eine gute Voraussetzung. Und damit fängt die Geschichte eigentlich erst an: Everybody makes a difference. Und aus dieser ganz und gar amerikanischen Einsicht haben wir uns vor vielen Jahren entschieden, uns genau anzuschauen, wen wir beim Einkauf für unsere Cafes mit unserem Geld unterstützen, denn am Ende läuft es genau darauf hinaus: Unterstützung der wirtschaftlichen und damit implizierten Lebens-Haltung, die hinter dem Produkt steht. Darin liegt unserer Ansicht nach die wahre Politik unserer Tage: Sie fängt nicht erst vor der Haustüre an, sondern schon im Haus – bewusst einkaufen, bewusst seinen Umgang und seine Quellen pflegen und erschließen, und schon ist mehr als die halbe Strecke gegangen. Nun vertrieben wir über unsere Cafes schon seit einiger Zeit sogenannten „fair gehandelten“ Kaffee, und eines Tages gerieten wir darüber in ein Gespräch mit einem der Röster, die damit arbeiten – in diesem Fall handelt es sich um Klaus Langen aus dem Sauerland, und von ihm später mehr. In diesem ersten Gespräch entstand mehr spielerisch die Idee, doch einmal die Kooperative zu besuchen, mit der er vor allem zusammenarbeitet, – und Britta, die seit ihrer Zeit als Studentin sowieso den südamerikanischen Kontinent als ihre zweite Heimat betrachtet, sagte ganz einfach: „Au ja, da fahren wir hin“. Und ich, wie üblich, habe nicht schnell genug „Nein“ gesagt. Und wie oben schon erwähnt, habe ich sowieso ein Problem mit „guten Ideen“. Und so kam es dann. Klaus der Röster, über den die Kontakte natürlicherweise laufen mussten, da es sich ja um „seine Kooperative“ handelte, hielt uns von Zeit zu Zeit über die Entwicklung der Dinge dort drüben auf dem Laufenden. Es war schon schnell klar, dass man auch in dieser Zeit, in der man für fast kein Geld in nullkommanix von hier nach dort kommt, nur um in der Ferne dann festzustellen, dass man dortenorts genauso verloren ist wie zuhause – selbst in dieser Zeit also steigt man nicht einfach in Flugzeug und Limousine, um ins mexikanische Hochland zu fahren, um dort ein paar ackernde Indios zu betrachten, noch einmal in den Pool zu springen, und schnell nachhause zu fahren. Das braucht Planung und Vorbereitung, die über den Kauf eines Tickets hinausgeht. Endlich aber kam die Meldung, dass alles zu einem bestimmten Zeitpunkt gradezu ideal sei, und plötzlich ging alles huschhusch. Britta und Dirk flogen einige Tage vor uns, und wir dann hinterher. Das stellte sich sofort als richtig heraus. Wenn man schon unbedingt nach Mexiko muß, trifft es sich gut, wenn man dort Menschen trifft, die sich etwas auskennen und vor allem auch die Sprache sprechen – gut genug, um sich wehren zu können, wenn sie etwas als Rip-Off begreifen, und natürlich gut genug, um überhaupt mit Fremden reden zu können. Und fremd – das sind Mexikaner in mehr als einer Hinsicht. Gaby und ich kamen also an, wurden von Britta und Dirk, den erfahrenen Lateinamerikanern, am Flughafen abgeholt, und von dort mit etwa zweistündiger Fahrt an einen fernen Strand an einem Naturschutzgebiet gebracht. Dieser Strand war so zauberhaft, dass ich davon nicht weiter erzähle – obwohl auch hier schon jetzt Tausende und Abertausende von US-Amerikanern emsig daran arbeiten, dieses kleine Paradies über eine Invasion der Zahnärzte und ihrer betrunkenen Kinder zu vernichten. Wer’s wissen will, will es besser doch nicht wissen. Dort verbrachten wir dann anderthalb Tage in der Gegend. Die Küsten-Schnellstrasse an dieser Seite des Kontinents ist so, dass man als verwöhnter Europäer erst etwas braucht, um dahinter zu kommen, dass es sich um die Schnellstrasse handelt. Um sowohl den trunkenen Kindern der US-Amerikaner wie auch den Schnaps-Sitten der Einheimischen gerecht zu werden, liegen quer über die Strasse speedbumps, die niedrigeren nur dafür da, den Fahrer zu wecken, die höheren (etwa einen halben Meter) ausreichend als Abschussrampe für einen normalen westlichen Kleinwagen, sollte er zu schnell sein. Und wer genau wissen will, warum diese Wahnsinnsschwellen da sind, muß nur nach rechts und links in die Strassengräben gucken: die Folgen von Tequila im Strassenverkehr sind menschlich beeindruckend. (Sehr lehrreich in dieser Hinsicht ist auch ein Besuch beim örtlichen Autoverleiher, direkt am Flughafen hinter der ersten Palme – es springt ohne großes Drumherum in die Augen, was man da als Folgen nicht angepassten Fahrverhaltens zu sehen bekommt.) Hat man sich dann endlich an die Schnellstrasse gewöhnt, hört sie eigentlich in einem Ort, der genau genommen aus einer umbauten Kreuzung besteht, auch schon wieder auf, und wird durch einen breiten, asphaltierten Weg ersetzt – so breit, dass zwei Wagen genau aneinander vorbeikommen –, der in mehr oder minder engen Kurven durch den Dschungel führt. Das Brüllen, was man dann hört, ist nicht das des mexikanischen Elephanten, den es sowieso nicht gibt – sondern das Geräusch des nächsten Road Trains, mexikanischer Riesenlaster mit mehreren Anhängern, die vor allem gradeaus fahren, und das mit einiger Geschwindigkeit. Dennoch findet man anscheinend relativ wenig Verletzte. Das soll aber keinen falschen Zungenschlag bekommen, ich will das auf gar keinen Fall schlecht machen: Diese Gegend gehört zum seltsam Schönsten, Anrührendsten und Friedlichsten, was ich in meinem Leben je erleben durfte. An einigen Stellen des Strandes waren Spuren eines alten Hippiedorfes, andere waren besetzt von Super-Luxus-Zahnarzt-Wohnanlagen, und zwischendurch war fast niemand. Mit einer Ausnahme, die man als Nachfahre europäischer Kolonialisten mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu Kenntnis nimmt: Damit auch alles so bleibt, wie es den Augen des Westlers genehm ist, wird der Strand gekehrt. Es gehen also Söhne und Töchter der Ureinwohner (na ja, dazu später mehr) mit Besen den Strand lang, und wischen ins Gehölz bzw. Gepälm, was der liebe Gott in seiner unermesslichen Weisheit über Nacht von den Wellen hat herantragen lassen. Nach dem ersten Erstaunen beginnt man angesichts dessen, dass diese Aufgabe ja eine wahre, sich täglich und für immer wiederholende Sisyphos-Arbeit ist, die geduldige innere Verpflichtung gegenüber einer importierten Ästhetik zu bewundern, die viele Menschen hier in diesem Land auszeichnet – und hat einen ersten Einblick in eine fremde Welt, in der alles ziemlich langsam geht, mit ziemlich viel Arbeit und menschlichem Einsatz verbunden ist, aber tatsächlich dann geht. Man braucht Geduld. Und darf nichts daran messen, wie es woanders wäre. Aber das ist fast schon philosophisch, denn man darf ja sowieso nichts an etwas anderem messen, ohne dem Einen wie dem Anderen Unrecht zu tun. Oder man muß mindestens sehr vorsichtig sein. Also, wir gingen und fuhren spazieren, in den Naturpark, am Strand lang, durch die ein bisschen in der Hippie-Zeit hängen gebliebene Ansammlung von Hotels, Geschäften, Cafes, Häusern und Ruinen, die entlang der Strasse und rund um die Kreuzung aufgereiht sind und den Ort ausmachen. In aller Friedlichkeit hier entlang zu schlendern … wie einfach, wie schön. Und das schlimmste aller Probleme, die vor einem liegen, besteht in der Frage, wo man zu Abend essen möchte – und vor allem: Was? Sehr gutes Essen, gar nicht zu vergleichen mit der mexikanischen „Internationale“, die man in zahlreichen Combinaciones Casa von Kalifornien über Amsterdam bis nach Sizilien und Bombay überall auf der Welt angeboten bekommt. Freunde, ich sage nur: Ceviche. Probiert’s. Berührend leicht und wunderbar. Der seltsame Zusammenhang zwischen Meer und Land, in dem sich dieser kleine Landstrich befindet, hat mich so verzaubert, dass ich mich zur Verwirrung der anderen am Strand verlaufen habe. Das geht doch gar nicht, sagt man – denn entweder ist das Meer auf der einen Seite oder der anderen, und je nachdem erkennt man eben, in welche Richtung man geht. Das weiß doch jeder seit Robinson Crusoe, der auch auf diese Methode um seine Insel herumgekommen ist. Aber doch – es geht. Wenn man nämlich an seinem Ziel ganz in Gedanken vorbeigeht, und viel später nicht mehr sicher ist, ob man daran vorbeigegangen ist oder nicht, und daher dann erst in jede Richtung große Strecken zurücklegen muß, um ganz sicher zu sein, dass man hier wirklich entweder noch gar nie oder vielleicht eben doch schon war, und dann erkennt, dass Palmen, Sand und Meer von Bucht zu Bucht sich erschreckend ähnlich sehen: Ich denke, es ist empirisch erwiesen, dass man sich am Strand verlaufen kann, wenn man nur Ich ist. Man nennt mich nicht umsonst den „Sohn des Regengottes“. Es gab schon Versuche, mich zu bestechen, dass ich auf keinen Fall an bestimmte Orte fahren sollte, an denen andere grade Ferien machten. Und meine Geliebte Gaby leidet darunter manchmal sehr, da sie großen Wert auf Sonne legt. Langer Rede kurzer Sinn: Natürlich hat es geregnet. Aber hallo. Und ein Regen dort, an der Kante zwischen Meer und Urwald, ist nicht so ein bisschen Land-Regen, wie es zum Beispiel in Osnabrück, Kerpen oder Holzkirchen üblich ist – nein, dabei handelt es sich darum, was der liebe Gott im Sinn hatte, als er das Wort „Regen“ erfand. Völlig unmissverständlich. Ein Schritt vor die Türe, und die Klamotten sind durch. Kein Wunder, dass Britta und Dirk mich seither mit etwas anderen Augen betrachten: Man wurde naß. Daher war es dann auch schön, als wir unsere Taschen packten und über viele Hubbel zum Flughafen bretterten, um dort in’s Flugzeug nach Tuxtla Gutierrez zu klettern.