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Kaffee, fast medizinisch

Der Koffeingehalt gerösteter Samen liegt zwischen 1,2 und 1,5%, kann aber bei Coffea Robusta auch bis auf 4% steigen. Coffein wird auch isoliert medizinisch verwendet, oft in Verbindung mit Paracetamol oder Acetylsalicylsäure als Schmerzmittel. Eine Tasse Kaffe enthält mit rund 100 mg etwa dreimal so viel Coffein wie Tee. Ab ungefähr 10 g beginnt die tödliche Dosis. In unseren Breiten aber wusste man seit jeher, dass Kaffee etwas Teuflisches anhaftet: König Gustav III. wusste zum Beispiel ganz genau: Kaffee muss giftig sein. Um seine Wirkungen zu belegen, missbrauchte der schwedische König in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s zwei zum Tode verurteilte Häftlinge als Versuchsobjekte. Erst bestellte Gustav III. den Henker ab, dann verdonnerte er einen der Verbrecher, fortan täglich Kaffee zu trinken. Der andere bekam dagegen Tee gereicht. Zwei Mediziner wurden beauftragt, das erwartete Siechtum zu dokumentieren. Das Experiment sollte zeigen, wie schnell Kaffee - im Gegensatz zu Tee - seine tödliche Wirkung entfaltet. So saßen die Häftlinge im Kerker und tranken. Erst Tage und Wochen, dann Monate und Jahre, bis der erste der beiden gelehrten Versuchsleiter sein Leben ließ. Die beiden Häftlinge nahmen weiterhin ihren Kaffee und Tee, bis der zweite Arzt starb. Auch als Gustav III. ermordet wurde, reichten die Wärter Getränke in den Kerker. Schließlich starb der Teetrinker vor dem Kaffeetrinker - im Alter von 83 Jahren. Das Todesalter des zum Kaffee Verurteilten ist zwar unbekannt, doch sicher ist, dass die robuste Konstitution des unfreiwilligen Probanden nicht die Mär vom giftigen Kaffee aus den Köpfen der Europäer getrieben hat: Bis heute werden dem Getränk allerlei negative Eigenschaften zugesprochen. "Die Aussage, dass Kaffee schädlich sei, ist heute nicht mehr haltbar", sagt Thomas Hofmann, Direktor des Instituts für Lebensmittelchemie an der Universität Münster. Das Getränk besteht jedoch aus über 1000 einzelnen Substanzen, deren Wirkungen sich gegenseitig beeinflussen. So kamen Gesundheitswarnungen zustande, die auf wackeligen Füßen standen und sich bis heute im Bewusstsein vieler Kaffeetrinker festgesetzt haben: Koffein treibe Wasser aus dem Körper, Kaffee erhöhe den Blutdruck, fördere Osteoporose und sei verantwortlich für Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krebs. Angesichts der flatterigen Nervosität, die jeder Kaffeetrinker schon einmal gespürt hat, ist es einfach, allen Warnungen zu glauben. Und so ist neben Milch und Zucker oft auch ein schlechtes Gewissen ein treuer Begleiter des Getränks. Neue Studien stellen Kaffee aber in ganz anderem Licht dar: So hat der Sud nicht nur einen wunderbaren Geschmack, sondern offenbar auch eine ganze Reihe wünschenswerter Wirkungen. Ein beliebter Vorwurf lautete lange Zeit, Kaffee entziehe dem Körper Wasser. So mahnte auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bis vor kurzem. Doch zum Einen sind keine Berichte über Menschen bekannt, die im Café nach ein paar Tassen Kaffee dehydriert vom Stuhl gekippt sind. Und zum Anderen sagt Antje Gahl von der DGE: „Das Bild vom Kaffee als Wasserräuber ist durch die Fehlinterpretation älterer Studien entstanden.“ Die University of Omaha/Nebraska sammelte kürzlich 24 Stunden lang den Urin ihrer Testpersonen. Die eine Hälfte sollte ihren Durst ausschließlich mit koffeinhaltigen Getränken löschen, die andere nur koffeinfreie Getränke trinken: Koffein hin oder her, am Ende waren die Mengen in den Behältern der Versuchleiter gleich groß. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam der britische Physiologe Ron Maughan in einer Übersichtsarbeit für das Fachmagazin Journal of Human Nutrition and Dietetics: Demnach sind zwei bis vier Tassen Kaffee täglich, also 300 bis 600 Milliliter, unbedenklich für den Wasserhaushalt. Dennoch bestreitet kein seriöser Wissenschaftler den akut harntreibenden Effekt von Kaffee. Koffein hemmt das antidiuretische Hormon der Hirnanhangsdrüse und signalisiert so den Nieren, vermehrt Flüssigkeit auszuscheiden. "Dieses kurzfristige Ausschwemmen wirkt sich nicht auf den Flüssigkeitshaushalt des Körper aus", ergänzt Antje Gahl – über den Tag entsteht kein Verlust. Auch die Wirkung auf das Kreislaufsystem ist nicht so gravierend wie angenommen. "Wer an Kaffee gewöhnt ist, hat nach ein, zwei Tassen höchstens einen geringfügig höheren Blutdruck", sagt Andreas Pfeiffer, Ernährungsmediziner an der Charité in Berlin. So hat auch das Nationale Herz-, Lungen- und Blutinstitut der USA 2003 eine Empfehlung zurückgenommen, wonach Patienten mit hohem Blutdruck höchstens moderate Mengen Kaffee trinken sollten. Die Harvard School of Public Health in Boston präsentierte kürzlich im Journal of the American Medical Association eine Studie mit Daten von 150000 Frauen. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und hohem Blutdruck habe man nicht gefunden, hieß es darin. Und wer jetzt nicht über seine eigenen Vorurteile nachdenkt, dem ist nicht zu helfen… In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Kaffee den Cholesterinspiegel im Blut steigen lässt. Cafestol und Kahweol - so genannte Diterpene - sind die Stoffe, die den Blutfettspiegel in die Höhe treiben. "Doch bei Espresso ist die Kaffeemenge so gering, dass man sich keine Sorgen machen muss", sagt Andreas Pfeiffer. Stattdessen lassen sich mit dem Geschmack auch gesundheitliche Freuden des Kaffees genießen: Der treue Bürobegleiter hemmt Parkinson, da Koffein die Produktion von Dopamin anregt. Der Ausbruch der Alzheimerkrankheit lässt sich durch regelmäßigen Genuss vielleicht verzögern. Auch chronischen Lebererkrankungen könne Kaffee vorbeugen, gerade wenn diese durch hohen Alkoholkonsum oder Übergewicht hervorgerufen werden, schreibt die US-Medizinerin Constance Ruhl. Mediziner der Universität Rotterdam bringen das Getränk in Verbindung mit einem geringeren Diabetes-Risiko. In einem Fall verdichten sich Hinweise: So haben kanadische Mediziner um André Nkondjock von der Universität Ottawa entdeckt, dass sechs Tassen Kaffee täglich das Brustkrebsrisiko bei Frauen um 70 Prozent senken. Das Getränk könnte vor Blasen- und Dickdarmkrebs schützen, sekundieren Kollegen in anderen Arbeiten. Als Wohltäter unter den Kaffeeinhaltsstoffen haben Forscher alte Bekannte identifiziert: Antioxidanzien - Stoffe, die aggressive Sauerstoffverbindungen im Körper unschädlich machen und auch in vielen Obst- und Gemüsearten vorhanden sind. Geschätzt wird Kaffee neben seinem Geschmack doch wegen der anregenden Wirkung des Koffeins, das die Wirkung von Adenosin blockiert, einem natürlichen körpereigenen Schlafmittel. Darüber hinaus zeigte sich Kaffee in manchen Untersuchungen als mildes Antidepressivum. Der Innsbrucker Radiologe Florian Koppelstätter fand kürzlich Hinweise, dass Kaffee Doping für den Geist ist. Seine Probanden zeigten unter Koffeineinfluss gesteigerte Gedächtnisleistungen. Im Magnetresonanztomografen flackerten besonders die Hirnareale auf, in denen das Kurzzeitgedächtnis verortet wird: der Frontallobus und der vordere Cingulum. Kaffeegegner griffen derartige Forschungsergebnisse bislang mit dem stets gleichen Argument an: Kaffee mache abhängig und deshalb seien die gemessenen Effekte keine Leistungssteigerung, sondern nur eine Normalisierung. Teilnehmer, deren Stimmung oder Geistesleistung nach Kaffeegenuss steige, hätten nur ihre Entzugssymptome beseitigt. Auch diese fest stehende Meinung wird angegriffen: Die Probanden des Psychologen Andrew Smith durften ihren Kaffeedurst wie gewohnt stillen, bevor er an der Universität Cardiff seine Untersuchung begann. Und mehr Koffein half tatsächlich mehr, die 60 Teilnehmer bewältigten ihre Testaufgaben im Schnitt schneller als eine Vergleichsgruppe. Doch eines ist wahr: Koffein macht abhängig, jedoch nur leicht: Stärkere Entzugserscheinungen als Kopfweh sind nicht zu erwarten. Kaffee kann nervös machen oder eine schlaflose Nacht bereiten. Schwangere sollten nicht mehr als drei Tassen Kaffee pro Tag trinken, empfehlen dänische und amerikanische Ärzte in einer aktuellen Studie. Kaffee verstärkt aber einige Zivilisationssünden in ihrer Wirkung. Dafür zwei Beispiele: Einerseits trinken die meisten Menschen zuwenig Flüssigkeit. Kaffee sollte hier nicht als Ersatzstoff dienen. Andererseits putscht Kombination von Nikotin und Koffein Körper und Geist auf. Sie überdecken gemeinsam den Erholungsbedarf und erzeugen eine Art Dauerstreß, den sie durch ihre euphorisierende Wirkung überdecken. Die anregende Wirkung läßt allerdings nach einiger Zeit nach und erzeugt so den Bedarf nach mehr Kaffee und einer neuen Zigarette, um das Stimmungshoch zu halten. Es ist also nur fair, folgendermaßen zusammenzufassen: Alte Urteile waren offenkundig aufgrund vorgefaßter Ideen über das Ergebnis zustande gekommen, und wiesen daher eher auf die Gefahren des Kaffees hin; neuere Untersuchungen sind natürlich von solchen Fehlern völlig frei und weisen auf eine erheblich kaffeefreundlichere Zukunft hin.