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Der Termitenkaffee

Jemand – mein Gedächtnis ist nicht mehr, was es war, und daher habe ich vergessen, wer – hat mir folgenden Vergleich erzählt: Wenn man eine normale Termite neben ihren sozusagen durchschnittlichen Termitenbau hält, und diesen Größenvergleich auf menschliche Gegebenheiten überträgt, dann ergibt sich, dass im Vergleich eine durchschnittliche Kathedrale etwa 4 km hoch und 1 km breit wäre. Das ist ja schon beachtlich. Was ich aber noch beachtlicher fand, ist, dass diese über alle Maßen gigantischen Kathedralen bei Termiten ohne jede Befehlshierarchie entstehen, ohne jeden Plan, ohne alles, was wir Menschen dafür brauchen, sondern einfach nur aufgrund innerer Gegebenheiten der Tiere, einer Art „Termiten-Intelligenz“, hormoneller Steuerung, automatisch neuronaler Funktionen, was auch immer. Hieraus spricht für mich unter anderem auch wieder mein alter Verdacht, dass unsere über alles herrschende Logik mit der daraus erwachsenden Hierarchie von Gedanken und Dingen in Wahrheit nicht so sehr Zeichen menschlicher Überlegenheit über alles andere Leben ist, sondern vor allem ein Hilfsmittel in der Not, ein Eingeständnis großer Hilfsbedürftigkeit angesichts der sich immer wieder verschleiernden Erkenntnis, dass bei uns Menschen in Wahrheit eben nichts läuft, wie es soll, dass keiner weiß, worum es geht, und dass alles mühevoll und fast unplanbar ist. Und deswegen war mir wiederum sofort klar, worum es geht, als ich bei Tim Harford folgende zwei Sätze las: Niemand auf der ganzen Welt kann einen ordentlichen Capuccino herstellen. Und wenn es so jemanden gäbe, wüsste niemand, mit welchen Reichtümern er denn bezahlt werden sollte. Das ist einfach: Niemand kann zugleich Porzellanerde ausgraben, Tassen töpfern und brennen, Kaffee ernten, über die Meere segeln und rösten, Kühe züchten, melken und die Milch abgekocht ins Haus bringen, und dann noch die Dampfmaschine erfinden, auf den Capuccino-Zweck reduzieren und das alles an einem Tisch zusammenbringen. Und dann natürlich noch den Capuccino in die Tasse zaubern. Niemand kann das. Aber alle zusammen tun es, die ganze Zeit, und hier – ähnlich wie bei den Termiten – ohne jeden größeren Plan, jeder für sich, alle in Verfolg eigener Ideen von Reichtum und Wahnsinn, in fast automatisierten Handlungsabläufen von Ursache und Wirkung. (Das nannte Hegel u.a. „die List des Weltgeistes“. ) Tag für Tag, Jahr für Jahr arbeiten Hunderte von Millionen Menschen daran, dass der Capuccino in der Tasse kreiselt: 25 Millionen Kaffeebauern, Verarbeiter, Röster, Importeure, weit über 100 Millionen Bauern und Verarbeiter von Rindviechereien, über 20 Millionen kräftige und zupackende Hände in Metallverhüttung, Rohr- und Walzwerken, Oberflächenbehandlung und Feinmechanik – und wenn man das alles zusammengezählt und alle Arbeiten hintereinander hat, dann hat von all denen noch keiner miteinander gesprochen, es kommen also noch Kommunikation und Wege hinzu. Und unsere Jungs und Mädchen an der Maschine haben noch keinen Finger krumm gemacht. Und weil – so betrachtet – der denkbare Wert einer einzelnen Tasse Capuccino unermesslich und unter praktischen Voraussetzungen unberechenbar hoch ist, gibt es irgendwie keinen echten Wert. Der echte Wert ist das, was einem das Erlebnis und der Geschmack selbst wert sind – sozusagen die anarchische Termiten-Logik über die Tasse bis direkt ins Portemonnaie. Daher bitte ich um etwas Respekt. Das ist nicht nur einfach eine braune, belebende Flüssigkeit, die da mit etwas heißem Schaum in der Tasse (oder im Glas) vor sich hin dampft und schwappt. Sondern wir haben es mit etwas zu tun, was in sich ein historisch wie betriebswirtschaftlich ganz unfassliches Ereignis darstellt – und darüber hinaus eine philosophische Dimension in sich birgt wie nur wenige andere Dinge (Du willst jetzt nicht mit Schuhen oder Brot kommen, oder? Denk bitte noch mal nach …). In Anerkennung dieser unerklärlichen und ungeplanten, weil auch unplanbaren, aber dennoch freudvollen und schmackhaften Ergebnisse menschlicher Termiten-Intelligenz möchte ich daher einladen, dass wir uns über einige Seiten hinweg damit befassen, was das eigentlich ist – und schlimmstenfalls könnten wir dabei sogar einige Liter Kaffee trinken. Tee, nach Lage der Dinge, verbietet sich irgendwie, oder?